Detailseite Renate Anger
Pinsel von oben nach unten und von links nach rechts

foto credit: Frank Bodenmüller
Katalog Kunstraum Düsseldorf
Der Kunstraum Düsseldorf im ehemaligen Jagenberg Gelände in Bilk wird durch seine großen Fensterflächen charakterisiert. Je eine Längs- und eine Querseite des Raumes weist decken- und bodenbündige Fenster aus, die durch eine schmale Heizkörperzone und durch klare, deutliche Fensterkreuze unterbrochen werden.
Die beiden anderen Wände haben großformatige, halbhohe Fenster, die mit der Decke abschließen. Jede Fensterseite ist unterschiedlich strukturiert: die Fensterrahmen sind verschieden breit, die Fenstersprossen rahmen schmale und breite Fenster ein, sogar die Farbigkeit der Rahmen wechselt von dunkelbraun nach mausgrau.
Dieser Dominanz der Fensterzonen versuchte Renate Anger ihre Malerei entgegenzusetzen und so nahm sie die Herausforderung, den Raum neu zu definieren, an.
Ihr Konzept erprobte sie in ihrem eigenen Atelier. Sie hatte sehr spontan auf den ersten Raumeindruck reagiert und sich für eine klare, einfache Lösung entschieden, indem sie mit roten Längs- und grünen Querstrichen versuchen wollte, die Raumwirkung nachhaltig zu verändern. Bereits 1979 hatte sie auf einem großen Leinwandbild eine gemalte, schwarzweiße Webstruktur mit dem Malgrund, d.h. der Leinwand verflochten, indem sie diese immer wieder aufblitzen ließ und damit in das Gesamtbild einbezog.

Atelier Renate Anger
Berlin 1979
Im Kunstraum verwebt Renate Anger rote und grüne Pinselstreifen mit dem Außenraum und gestaltet so ihr Gemälde.
Sie begann mit der roten Längseinteilung der Flächen, indem sie Linie neben Linie setzte. Der Abstand zwischen den einzelnen Streifen liegt in der Regel etwas über der Pinselstrichbreite. Das gleiche gilt für die grüne Quereinteilung. Die überlappende Fläche, die fast ein Quadrat ergibt, verdichtet sich durch die beiden Komplementärfarben zu einer dunklen Zone, die nur bei Nahsicht farblich zu trennen ist.
Alle Linien zog Renate Anger frei aus der Hand. Nur ihr körpereigener Rhythmus und ihr Augenmaß bestimmten das gemalte Gitter. Hinzu kam der zeitliche Arbeitsablauf, der deutlich in der Arbeit anklingt. Meditativ und gleichförmig, mit großem Atem ließ sie sich von Streifen zu Streifen weitertragen, und erreichte so den spürbaren immanenten Fluß in ihrer Arbeit.
Die Breite der Streifen variiert dabei ebenso wie die Dichte des Farbauftrags. Gelegentlich ziehen sich einzelne Linien an oder neigen sich einer Fensterstrebe zu. Nie wirken diese Unregelmäßigkeiten jedoch fehlerhaft, da sie sich deutlich aus dem Entstehungsprozeß heraus gebildet haben und eine immanente Rhythmik spürbar machen.

Renate Anger, 1995
Kunstraum Düsseldorf
Foto: F. Bodenmüller
Manchmal spielt Renate Anger bewußt mit den vorgegebenen Fensterstreben, indem sie diese in ihre gemalte Vergitterung fast unmerklich integriert. An diesen Stellen verbindet sich die Malerei überzeugend mit der architektonischen Form und dem durchschimmernden Außenraum.
Bei starkem Lichteinfluß zeichnet sich ein schwarz-weißes Gitter auf dem Fußboden ab, das oft durch den Schrägeinfall des Lichtes verzogen wird und das dem Raum eine zusätzliche Rasterung gibt.
Je nach Größe der Fensterscheibe wählte Renate Anger unterschiedlich breite Pinsel aus, so daß jeder Glasfläche eine adäquate Gitterstärke zugeordnet wurde. Hierdurch wechselt vor allem die Einbeziehung des Außenraumes in das Gesamtbild der Malerei: Bei einigen Fenstern verweilt der Blick des Betrachters immer wieder im Außenraum, wechselt dann jedoch wieder auf die bemalte Fläche. Das Verhältnis zwischen dem plastischen Außenbild und der flächigen Fenstermalerei läßt den Betrachter nicht zur Ruhe kommen. Beides verschwimmt vor seinen Augen oder löst sich wechselseitig ab.

Andere Bildflächen sind dagegen dichter und lassen den Außenraum kaum noch herein. Mitunter verbindet sich dort die Malstruktur zu einem geschlossenen Tafelbild. Vor allem wenn man die Fenster mit seinem Blick streift, wirken sie wie großformatige Gemälde, die eine Raumwand untergliedern und rhythmisieren.
Aber nicht nur der innere Eindruck ist für diese Arbeit entscheidend. Bereits auf dem Weg zur Ausstellung strahlen uns blitzartig rot-grüne Rasterungen entgegen, die durch ihre Farbpräsenz den Blick anziehen. Besonders bei Sonnenlicht verschmilzen die Fensterscheiben ineinander, verweben sich netzartig und umspannen den leeren, von Malerei umschlossenen Ausstellungsraum. In solchen Momenten verliert der Betrachter sein gewohntes, sicheres Raumgefühl. Die Schwingung der aufgetragenen Malerei, die den Atem der Künstlerin aufgenommen hat, umkreist ihn und hält ihn fest.
Ulla Lux 1995
zurück zur Übersicht

