Birgit Werres Detailseite
Fünf Skulpturen plazieren sich im Kunstraum: drei liegende Spiralen und zwei durchfurchte, blaue Felder.
Jede ist eine symbiotische Situation, vielleicht auch ein Paar, das sich im Raum verteilt hat, sich gegenseitig beobachten oder zu den anderen gewandt ist.
Sie alle bilden sich aus je zwei unterschiedlichen Kunststoffen, die sich entweder farbig stark voneinander absetzen oder durch ihre unterschiedliche Dichte miteinander konkurrieren.
Birgit Werres benutzt Materialien aus dem Bereich der industrieellen Verpackung, Folien oder Baumaterialien aus Kunststoff. Arbeitsspuren oder Alterungsprozesse werden nicht thematisiert, allein die Qualitäten des reinen Materials interessieren sie. Hierzu gehört u.a. ihre Struktur, die Farbgebung, die Glätte, Dichte und die serielle Gleichförmigkeit.

Schwarzes Fugenband, durchfädelt von weißen Schlaufen, kringelt sich ein und bleibt selbst-ständig liegen. Es erinnert an eine riesige Lakritz-Schnecke. Der Betrachter blickt von oben auf sie herab und wird von einer rotierenden Bewegung angezogen. Die schwarze Masse scheint die weißen Schlaufen anzutreiben, Kopf-an-Kopf jagen sie durch die Arena. Ebensogut könnte auch die Geschwindigkeit eines Reifen mit dieser Arbeit assoziiert werden. Die Erinnerungsstücke, die im Betrachter aufblitzen, umfassen überraschenderweise sehr unterschiedliche Größendimensionen. Von einer Lakritz-Schnecke zu einer von oben gesehenen, dicht bespielten Pferderennbahn über einen Autoreifen oder einem Objekt-Bild aus der Op-Art, dies alles ist bei den Skulpturen von Birgit Werres möglich.

Mehrfach entschied sich Birgit Werres bei diesem Ausstellungsprojekt für farbige, glänzende Folienoberflächen. Sie sind durchscheinend und geben schemenhaft den Blick ins Innere frei. Einmal umschließt ein leuchtend glattes Gelb stark zusammengeknautschte helle Folien, wie eine dicke, aufgerollte Bonbontüte. Oder ein leuchtendes Blau verunklärt die schwarze Rohrstruktur, die es ähnlich einer Luftmatratze umschließt. Die Schwere und Materialität der Rohre ist kaum noch zu spüren.
Eine Dualität zeigt sich in ihren Objekten auf verschiedenen Ebenen. Sie liegt in der Farbigkeit, im Material, in der Konfrontation unterschiedlicher Strukturen, sie kann in den Oberflächen liegen, im inneren Volumen und der äußeren Haut, und in der Art, wie die Künstlerin zwei Materialien miteinander verknüpft. Neben diesen formalen Kombinationen, kommt es zu Dialogen, die durchaus narrativ erlebt werden können. Die Materialen kämpfen miteinander, wollen sich voneinander lösen oder sich aneinander schmiegen, immer werden sie jedoch in die Balance gestoßen, in ein Gleichgewicht.
Diese Überlegungen beziehen sich vor allem auf ihre reinen Objekte. Die Dualität liegt in ihnen selbst begründet, die Materialien sind zueinander gerichtet, aufeinander bezogen.

In ihren neuen Arbeiten, die für diese Ausstellung entstanden sind, erweitert sich dieses dualistische Denken. Birgit Werres konfrontiert ihre Arbeiten mit dem architektonischen Raum. Ihre Objekte werden in gewisser Weise Skulpturen. Natürlich gibt es auch weiterhin die Kombination zweier Materialien in ihrer ganzen Vielfalt, aber Begriffe wie wachsen, sich ausdehnen, seriell oder rhythmisch treten hinzu. Die Künstlerin baut ein Spannungsverhältnis zwischen der Skulptur und der architektonischen Qualität auf. Dies gilt sowohl für jede einzelne Arbeit als auch für die scheinbar willkürliche Plazierung der Werke im Raum.
Text: Ulla Lux 1999
Katalog Kunstraum Düsseldorf
Fotos: Frank Peters

