Christiane Büchner Detailseite
DAS GUTE TUN

Katalog Christiane Buechner, Kunstraum Düsseldorf 1997
[1] Das Volkshaus muß das schönste Haus des Ortes sein.
Es muß schöner sein als die Kirche der Vergangenheit. (H. Peus 1913)
Das Gute tun ist keine Handlungsanweisung, sondern spiegelt den Anspruch sowie das Selbstverständnis, mit dem sich die Aktivitäten in den Kulturhäusern zusammenfassen lassen. Es ist sozusagen Motto der Kulturhaus-Arbeit, die so vielfältig sein soll wie das Leben selbst, die die Möglichkeit bieten soll zu vielseitigem Genuß und schöpferischer Betätigung und die die Vorraussetzungen schaffen soll für Freude, Behaglichkeit, Unterhaltung, Mitmachen und Vergnügen. Kulturhäuser sind ein Erbe der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, die mit ihren Volkshäusern die "Kirche einer neuen Gemeinschaft" schaffen wollten. In der SU paarte sich dies mit den von Nadescha Krubskaja eingerichteten Arbeiterklubs - den "öffentlichen heimischen Herden" - die als Orte des sozialen und sozialistischen Lernens der "Menschbildung"; dienen sollten. Als westliches Pendant müssen die Volkshochschulen angesehen werden, die allerdings nicht den gleichen gesellschaftlichen Stellenwert erlangt haben, deren Angebotspalette jedoch von dem der Kulturhäuser nur unwesentlich abweicht. Entscheidend ist aber, daß das Kulturhaus als Erweiterung des Wohnzimmers privater und öffentlicher Ort des Feierns ist, seien es Hochzeiten, Jugendweihen, der Tag der Frau oder des Chemikers. Gerade die Festkultur hat wesentlich dazu beigetragen, das Kulturhaus zum Mittelpunkt eines Ortes zu machen und damit gesellschaftliche Praxis zu ritualisieren.
Christiane Büchner macht aus dem Düsseldorfer Kunstraum ein solches Zentrum des Wir - Wollens. Modellhaft steht das Innere dieser Paläste, wie es in jeder Stadt und in jedem Dorf Russlands zu finden ist. Keineswegs geht es dabei nur um die Repräsentation des Ortes, sondern er soll gleichzeitig für die Besucherinnen und Besucher auch nutzbar sein. So wird es im Klubbereich eine Fernsehecke geben, in der man ein Video Christiane Büchners sehen kann, im nachgebauten Kinotheatersaal zeigt sie an ausgewählten Abenden ihre Filme und per Diainstallation kann man an einem fiktiven Vortrag zum Thema "Unser Heim" teilnehmen.

Ausstellung Ch. Buechner, Kunstraum Duesseldorf 1997
Christiane Büchners Arbeiten, seien es die Filme oder die Installationen, sind künstlerische Kommentare zu ihren Reisen nach Russand, in denen immer wieder neue Aspekte des sowjetischen bzw. russischen Lebens thematisiert wird. Am Beginn steht [2] "Ich ging nach Russland", ein Film über Ankünfte und Abfahrten, in dem sie anhand von gefundenem Filmmaterial und ebensolchen Texten den verfestigten Vorstellungen einer Rußlandreise nachspürt, die sich für die letzten zwei Jahrhunderte zusammenfassen lassen als Fahrten in den Schnee oder dann als Begegnung mit dem großen Bären. Nach dieser Bestandsaufnahme der Vorurteile macht sie sich auf die Suche nach den authentischen Bildern einer Alltäglichkeit, sich dabei sehr wohl bewußt seiend, daß diese immer Ergebnis eines fremden Blickes sein werden. In [3] "Aus der Praxis, für die Praxis", einem fiktionalen Dokumentarfilm, begleitet sie einen Zirkel, der sich zum Ziel gesetzt hat, das Schreckgespenst des um sich greifenden Verbrechens zu bekämpfen - ein Zirkel, der durchaus auch einen Klubraum in unserem Kulturhaus beanspruchen könnte. Mit verhaltener Komik verfolgt sie das Festhalten dieser Gruppe an den sozialen Errungenschaften der SU, eben z.B. der Klubbildung, bzw. ihr Reagieren auf die neue gesellschaftliche Situation, die sich für sie in der grassierenden Kriminalität äußert.
Während dieser Film entstand, baute sie aus Zuckerwürfeln seinen Schauplatz, einen der größten Plattenbaubezirke Petersburgs, nach. Die Zuckerstadt mit Stadion, Rathaus und Park der Internationalisten, die wie vom ßugzeug aus in ihrer Ordnung wahrnehmbar wird, offenbart eine städtebauliche Logik, die gleichsam nur für das göttliche Auge gebaut ist. In der Anordnung der weißen Wohnmassive, mit denen Chruschtschow den neuen Sozialismus feierte, teilt sich die Weite, in die sie gestreut sind, dennoch mit. Die Zuckerstadt handelt allerdings nicht nur von unseren Vorurteilen gegenüber diesen peripheren Bezirken, sondern ihr Baumaterial Zucker symbolisiert gleichzeitig die Annahme dieser Mikrostädte durch die sowjetische Bevölkerung - und seien sie auch nur von der Petersburger Altstadt aus dorthingezogen, weil ihre "geliebte Schwiegermutter auch hier lebt", wie ein Bewohner angab. Mit den Bauten aus Zucker schafft sie ein Bild für die existentiellen Grundlagen des Lebens, nämlich der garantierten Wohnung und der Nahrung, die den langen Winter überleben hilft. Zugleich erscheint die Zuckerstadt als ein Gegenbild zu den schauerromantischen Kommunalwohnungs- Installationen Ilya Kabakovs.

Einladungskarte Kunstraum zur Ausstellung Ch.Buechner

Christiane Buechner, Die Zuckerstadt
In der Dia-Arbeit "Unser Heim", die in der Ausstellung zu sehen ist, macht sie sich ins Innere der Wohnblocks auf. In aquarellierten Modellen aus Pappe schuf sie die typisierten Wohnungen samt ihrem standardisierten Mobiliar nach. Auch hier setzt sie dem Vor-Urteil über das überall Allzugleiche die Identifikation der Bewohner mit ihrem Raum gegenüber. Mit den Dias der Modelle parallelisiert sie die treuherzigen Beschreibungen der Kinder: "Hier ißt ein Mensch, ißt einfach zu Mittag. Er ißt Suppe und Weißbrot. Da steht der Topf mit der Suppe. Der Balkon ist einer von denen mit Blümchen." Sie korrigieren die scheinbare Gleichheit und zeigen sie als individuelle Reiche.
Vom Inneren der Wohnkultur zieht Christiane Büchner schließlich aufs Land und in die Kulturhäuser. Nicht nur aufgrund ihres urbanistischen Ortes, zumeist gegenüber dem Rathaus, sondern wegen der fehlenden Alternativen bilden sie in den Dörfern und Städten der Provinz das Zentrum des kulturellen Geschehens. Mit sehr sparsamen Mitteln transformiert Christiane Büchner den Kunstraum in einen solchen Raum der Kultur. Nach außen wird der Raum durch das Weißen der Fensterscheiben zugemacht. Alle Einbauten wie die typischen Rüschengardinen, das Telefon, die außenliegenden Rohre und Leitungen sowie Rednerpult und Lautsprecher sind aus bemaltem Papier. Der einzige spezifische Raum ist ein nachgebauter Kinosaal, indem Christiane Büchner ihre Filme zeigt. Stellvertretend für das Tun der verschiedenen Zirkel steht eine Stellwand mit fast hundert Fotografien. Diese sind erneut keine Dokumentationen, sondern zeigen uns Situationen, die Christiane Büchner von dem bunten Treiben aus Papier nachgeschaffen hat. Die grobgeschnittenen, gesichtslosen Figuren sind Modelle im doppelten Sinne. Sie sind Nachschöpfungen, zugleich stehen sie für das Typische dieser Lebensform. Wie schon in der Arbeit "Unser Heim" ist es die Spannung zwischen dem Spezifischen und dem Typischen, dem Individuellen und dem Wiederkehrenden. Es ist die Wärme des Gemeinschafts- stiftenden und zugleich das miefig, spießig Kleinbürgerliche. Wir begegnen dem Barden, der das schöne Geschlecht besingt, der Bastelgruppe "fleißige Hände", dem Jugendtheaterklub "Dilettant", dem Filmklub "Abblende", dem bei jeder Gelegenheit auftretenden Chor, usw. Beobachten können wir auch die immerwiederkehrenden Festlichkeiten wie die jährliche Ordensverleihung an die Veteranen, die Ausstellung "Säe und Ernte", den Einzug von Väterchen Frost, sowie die neueren Errungenschaften wie Disco, Mondscheinparty und vorallem den Autosalon, durch die die Häuser ihre Funktion bis heute aufrechterhalten können. Das Video, das wir in der Fernsehecke sehen, lenkt den Blick auf die Umgebung des Kulturhauses, auf das Dorf, das Christiane Büchner ebenfalls nachgebaut und dann abgefilmt hat. In Einzelaufnahmen von Rat- und Kulturhaus, vom mächtigen Denkmal des großen vaterländischen Krieges, vom See, von der Geheimfabrik, der Schenke, der Kirmes und natürlich dem Stadion setzt sich der Ort zu einem Ganzen zusammen. Einen ?berblick verschaffen uns schließlich die von "Tamara S." (einem Mitglied des Filmzirkels!) während ihres ßuges "Von der Kreisstadt in die Hauptstadt." aufgenommenen Bilder. Die im Film erscheinenden "Bilder unserer Heimat" korrespondieren mit der im Kulturhaus hängenden gemalten Landkarte, die uns die Identifikation der Bewohner mit ihrem Ort nocheinmal repräsentiert.
So beschreibt Christiane Büchner modellhaft das Leben eines russischen Dorfes, das gleichzeitig als Modell für alle russischen Dörfer steht. Dabei beläßt sie den Dingen und den Menschen, die sie uns vorführt, ihre Integrität. Sie übernimmt das Selbstverständnis der Bewohner und vermag somit die Geschlossenheit (und Eingeschlossenheit) dieser Weltsicht zu zeigen. Mit dieser Installation wird sie gleichsam zu einem Mitglied des Zirkels "fleißige Hände". Im Gegensatz zu den Mitgleidern, die mit ihren fleißigen Händen dem Motto "Verschönere dein Heim" folgen, ist das Ergebnis von Christiane Büchners Arbeit das Entstehen dieses kleinen Kosmos' selbst. Durch diesen Repräsentationsvorgang wird er als Ganzer thematisch und zur Diskussion gestellt. Die Fragilität des Materials und die Kindlichkeit der Ausführung müssen dabei auch als die Fragilität dieser Geschlossenheit und die Naivität des Anspruchs, "Das Gute zu tun", verstanden werden. So bitten wir zum Schluß um das, was an der Tür eines DDR-Kulturhauses zu lesen ist: "Wir bitten unsere werten Gäste das Geschaffene zu achten".
Kolja Kohlhoff 1997
[1] Diese letzten Formulierungen entstammen allesamt einem Bericht zu den Klubs und Kulturhäusern der DDR von 1978.
[2] Entstanden unter Mitarbeit von Andreas Fischer.
[3] Ein Film von Christiane und Tobias Büchner.

